Gottesbild - Menschenbild

Unser Freundesbrief – im Oktober 2011


© Charlie Mackesy

Aufrecht geh'n

Am Sabbat ging Jesus in eine Synagoge und lehrte dort. Zu der Versammlung kam auch eine Frau, die so verkrüppelt war, dass sie nicht einmal aufschauen konnte. Seit achtzehn Jahren litt sie bereits unter dieser Erkrankung, von der viele überzeugt waren, dass nur ein Dämon ihr so etwas antun konnte

Als Jesus sie sah, rief er sie zu sich: "Frau, du bist von deiner Krankheit erlöst!" Er legte ihr die Hände auf und schon konnte sie sich aufrichten. Sofort fing sie an, Gott zu loben und zu danken.

(Lukas 13, 10-13, Ü: Fred Ritzhaupt)



Sabbat – die Menschen strömen in die Synagoge. Jesus ist dort. Alle wollen ihn sehen und hören. Erregung liegt in der Luft – was wird er heute sagen? Was wird er tun?
Unter den Zuhörern ist auch eine Frau, die seit 18 Jahren verkrümmt ist. Sie kann sich nicht mehr aufrichten, ihren Kopf nicht mehr heben. Ihr Blick ist nach unten gerichtet, das Blickfeld eingeschränkt.

Was hat ihre Verkrümmung verursacht? Eine Krankheit? Ein Unfall? Vielleicht hat die Last des Lebens sie gebeugt. Oder andere haben sie niedergedrückt, missbraucht, man(n) hat sie klein gemacht, klein gehalten, irgendetwas hat ihr das Rückgrat gebrochen.
Kann auch sein, dass sie sich bucklig gearbeitet hat. Auf der Suche nach eigener Identität hat sie sich krumm gemacht, sich zu Menschen hin verbogen. Ohne Selbstvertrauen den Kopf hängen gelassen, immer tiefer und tiefer und tiefer.
Warum sitzt sie da in der Synagoge? Schließlich ist sie als Frau nicht sehr angesehen und schon gar nicht mit ihrer Behinderung, die – das weiß doch jeder – eine Folge von Schuld ist. Die anderen sehen auf sie herab, sie ist kein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft.
Vielleicht hat sie in ihrem Herzen Glauben bewahrt, eine Bastion der Hoffnung, die der Feind nicht einnehmen konnte. Eine Ahnung von Freiheit und Daseinsberechtigung, eine tiefe Sehnsucht nach mehr. Eine leise Stimme in ihr flüstert: "Das kann nicht alles sein, was Gott für mich hat.
Es gibt ganz bestimmt noch mehr!"

Dort in der Synagoge ergreift Jesus die Initiative: Er sieht diese Frau in ihrer Verkrümmung und ruft sie zu sich – er ruft sie in seine Gegenwart. Ihre Krankheit stört ihn nicht. Sie darf so kommen wie sie ist. Sein Herz sieht die Tochter Abrahams – das zerbrochene Ebenbild Gottes, weit entfernt von der Herrlichkeit, die er ihr geben will.
Sie erhebt sich. Mutig geht sie schlurfenden Schrittes durch die Synagoge. Immer noch gebeugt, vorbei an den schönen, stolzen Frauen, vorbei an den stirnrunzelnden Männern. Sie hört das missbilligende Raunen der Pharisäer. Viele sind da, die sie sonst keines Blickes gewürdigt haben. Sie bahnt sich ihren Weg durch die Menge, geht auf Jesus zu!
Nun steht sie vor ihm. Noch kann sie nicht aufschauen, sieht nur seine Füße und den unteren Teil seines Gewandes. Was wird Jesus jetzt sagen, was wird er tun? Vielleicht…?
Und dann hört sie diese Worte, die ihr Leben verändern: "Frau, sei frei von deiner Plage!"

Sei frei von allem was dich nieder gedrückt hat, in der Vergangenheit und in der Gegenwart.
In Zukunft darfst du aufrecht geh´n! Sie spürt die liebevolle Berührung seiner Hände. Jesus gibt ihr Nähe, Annahme und Wertschätzung. Alles Verbogene an ihr richtet sich auf. 18 Jahre Leiden sind zu Ende. Sie kann wieder aufschauen und sieht als erstes – das Gesicht Jesu! Sie schaut in seine Augen, die sie liebevoll betrachten. Sein Blick drückt Bestätigung aus und verleiht ihr wieder Würde.
Sie darf endlich sein – eine Frau, die aufrecht durchs Leben gehen kann.

Jesus sieht auch dich! Er schaut dich an! Er kennt deine "18 Jahre", deine Wünsche, deine Befürchtungen. Er weiß, was dich verkrümmt hat, mit einem Blick erfasst er deine ganze Lebenssituation. Es ist ein Blick ohne Anklage, voller Liebe, er versteht.
Als gebeugte, verbogene Menschen, niedergemacht und klein gehalten, erwarten wir eigentlich gar nichts anderes mehr. Eine Verkrümmung hin zu Menschen und Dingen verhindert eine aufrechte Haltung. Der Blick auf Gott ist "behindert" und ebenso die Möglichkeit aus seinem Reichtum zu empfangen.

Jeder von uns braucht diesen Liebesblick von Jesus, diese Erkenntnis, da sieht mich einer mit anderen Augen. Zu ihm kann ich gehen. Er wird mich nicht niederdrücken, sondern aufrichten.
Jesus ist gekommen, um aus Gebeugten und Verkrümmten, aufrecht gehende Menschen zu machen, die in ihrem Innersten von ihm gestärkt, kreativ mit ihren Lebensumständen umgehen!
Aufgerichtet kann ich wieder aufschauen – aus mir heraus – zu dem hin, der mich gemacht hat.
Ich darf sein und werden.